Skip to main content

Neues Projekt im Museum Viadrina

Das literarische Frankfurt (Oder): Die Stadt im Spiegel der Literatur

Im Museum Viadrina ist ein neues Forschungs- und Ausstellungsprojekt zur Literaturgeschichte Frankfurts (Oder) gestartet. Erstmals wird die facettenreiche literarische Geschichte der Oderstadt umfassend aufgearbeitet, von der Gründung der Viadrina im Jahr 1506, der ersten Universität Brandenburgs, bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Die Stadt am Oderstrom war über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Lebensstation für zahlreiche Autoren und Autorinnen: Manche kamen von auswärts und wurden hier ansässig, andere hielten sich nur kurz auf. Einigen der hier geborenen Schriftsteller wurde Anerkennung weit über die Stadtgrenze hinaus zuteil.

Den Auftakt der literarischen Stadtgeschichte markiert der Humanist Ulrich von Hutten, der bereits 1506 an der Viadrina studierte und bald darauf ein rühmendes Gedicht auf die Mark Brandenburg verfasste. Der Theologe und Stadtpfarrer Andreas Musculus ließ in der Universitätsdruckerei seine populären „Teufelsbücher" drucken, während die Komponisten Heinrich Schütz und Dieterich Buxtehude auf seine lateinischen Texte zurückgriffen. Im Barock fanden sich in Frankfurt zudem Dichter der Ersten Schlesischen Schule ein; die kaiserlich gekrönte Poetin Christiana Mariana von Ziegler, deren Dichtungen von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach vertont wurden, lebte ab 1741 in der Stadt. Eine Besonderheit dieser Zeit ist der hebräische Buchdruck, der hier vom Ende des 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts betrieben wurde.

Zur literarischen Stadtgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zählen außerdem Ewald von Kleist, der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing, Gottlob Samuel Nicolai und Friedrich Christoph Nicolai sowie Heinrich Zschokke und Christian Wilhelm Spieker. Besonders hervorzuheben ist Heinrich von Kleist, dessen Geburtstag sich im Jahr 2027 zum 250. Mal jährt. Selbst aus der Ferne wurde Frankfurt literarisch gewürdigt: Johann Wolfgang Goethe widmete dem 1785 bei einem Oder-Hochwasser ertrunkenen Prinzen Leopold von Braunschweig-Wolfenbüttel ein Gedicht. Der in Frankfurt geborene spätromantische Schriftsteller Franz von Gaudy, die Märchendichterin Marie Petersen und Ernst von Wildenbruch waren zu ihrer Zeit weithin bekannt.

Im 20. Jahrhundert legten Gottfried Benn und der als Klabund bekannte Alfred Henschke ihr Abitur am Frankfurter Friedrichs-Gymnasium ab, an dem auch der Vater der späteren Übersetzerin Eva Rechel-Mertens unterrichtete; sie veröffentlichte 1957 die erste vollständige deutsche Übersetzung von Prousts „Recherche". Paul Gurk erhielt 1921 den Kleist-Preis, und Mitte der 1920er-Jahre etablierte sich in der Stadt eine „Literarische Gesellschaft" mit eigenen Publikationen. Die Schriftstellerin Susanne Kerckhoff wuchs in dieser Zeit in Frankfurt auf, und Bernward Vesper, Sohn des Schriftstellers Will Vesper und späterer Verlobter von Gudrun Ensslin, wurde 1938 in der Stadt geboren. Hans Joachim Nauschütz engagierte sich seit den 1970er-Jahren in Frankfurt und setzte sich nach 1990 besonders für den Austausch zwischen deutschen und polnischen Autoren ein.

Der Berliner Literaturwissenschaftler und Kurator Lutz Dittrich trägt die vielfältigen Geschichten und literarischen Strömungen der Stadt zusammen und bereitet sie für eine neue Sonderausstellung im Museum Viadrina auf. Die Ausstellung soll inhaltlich auch das Kleist-Jubiläum im Jahr 2027 bereichern und ist für den 10.09.2027 im Museum Viadrina geplant. Begleitend sind mehrere Veranstaltungen sowie ein Colloquium vorgesehen. Das Projekt wird vollständig aus Drittmitteln finanziert; im Rahmen der Arbeit soll außerdem ein weiterer Band der Frankfurter Studien zur Stadt- und Regionalgeschichte entstehen.

Kurator: Lutz Dittrich, Literaturwissenschaftler, Berlin
Ausstellungseröffnung: 10.09.2027, Museum Viadrina
Zeitraum der Betrachtung: 1506 bis Ende des 20. Jahrhunderts